Band 7 - (2014)

 

 

NACH WESTEN HIN

 

zwischen masten der segelschiffe / über

rötlichem gebirgsschnee / in des meeres müden

 

letzten meereswogen / auf unendlich weiten

puszta-steppen / hinter kanarischen palmen oder

 

nur durch diese scheunenluke, der dürftigen,

belanglosen, entlegenen ---

abend für abend erkürt sich die sonne

den malerischsten ort

zu ihrem abgesang,

abend für abend

ein opus magnum.

 

 

 

 

AVE MARIA

(von Bach/Gounod – 1852)

 

AVE MARIA

GRATIA PLENA

DOMINUS TECUM

 

durch gebrochenes arpeggio*

schimmert es

so seidenfädelnd dolce kristallin

 

BENEDICTA TU IN MULIERIBUS

ET BENEDICTUS

FRUCTUS VENTRIS TUI IESUS

 

traut sich

wie auf samt

zu immer festeren konturen

konturen mit inbrunst

anflehendem elan

 

SANCTA MARIA

ORA PRO NOBIS PECCATORIBUS

 

und jedes gewölbe erzittert

reißt auf

vor diesem kathedralisch wallenden

diesem glühend schallenden

diesem heilig hallenden

 

NUNC ET IN HORA MORTIS NOSTRAE

 

damit es nach oben entschwinde

den neuen sonnenaufgang zu erleben -

so seidenfädelnd

dolce kristallin

im demutsvollen arpeggiando*

 

AMEN

 

und ein letzter tropfen kerzenwachs

rinnt

aus dem orgelschlussakkord

 

 

* (arpa, ital. für: Harfe /

 arpeggio, arpeggiando: harfenartig)

 

 

 

 

ZUR ZENTRALEN MITTE HIN

 

Man verfeme, verteufle sie nicht

die Exzentrischen,

die außerhalb des Tradierten,

die jenseits des ruhigen Gewässers –

 

Denn je mehr

Subjektives

und sei es auch das Irrwitzigste,

das Kühnste, das Extremste,

desto näher

nähert sich ihr Durchschnitt

der unnahbaren Objektivität.

 

 

 

24 AUF 24

 

ZEIT

riecht man nicht

hört

sieht

schmeckt man nicht

 

ZEIT

ist ein Nichts

war es seit jeher

 

Bis irgendein Frevler

Räderwerk & Feder & Unruh erfand

und dieses Zeitlose

er-tickte sich

24 / 24

er-pendelte sich

24 / 24

er-quarzte und er-atomte sich

24 / 24

zu einer Pandora-Büchse

von Schneller Nummer

bis Burn-Out mit Langzeitwirkung

 

 

 

 

BOHNERWACHS UND SPIEßIGKEIT

 

schmatzt und schwatzt

täglich um viertel nach drei

bei schwarzwälder und marzipantorte

 .

durchströmt so neonhell

das ehrenwerte haus

mit dem dicken vom ersten stock

mit der witwe von nebenan

 .

doch einmal nur verrückt sein, ja, flieg doch

nur einmal mit mir von den vorstadtstraßen

über

diesen

tellerrand

hinaus,

dorthin, wo das laster lebt,

zum Champagner,

zu den hawannas, zu den blonden ludern ---

 .

und aus der jukebox singt es am gehsteig:

auch kleine heuchler

ziehen

große kreise

 

 

(aus Udo-Jürgens-Texten)

 

 

 

 

RANDNOTIZEN AM RANDE

(Der unbekannte Clochard)

 

so dörrt es vor sich hin, sein leben / auf grund gelaufen,

schütter, ungeschminkt / ins-schweigen-starren ist seine

 

daily-soap / dass es morgens hell wird, seine apanage /

so dörrt es vor sich hin, sein leben / auf grund gelaufen,

 

schütter, ungeschminkt / seit wann und warum, weiß er

nicht mehr / bis wann und wohin, noch weniger / tag

 

für tag ist das morgen schon geschreddert / und das

heute von heute noch nicht einmal unter dem hammer

 

 

 

 

DER WORTE GEWALTEN

 

WORTE

sind Eichen Buchen

ihr Geäst ihr Gezweig

aus Jahrtausend-Wurzeln

erwachsen

 

WORTE

haben nicht nur Form

auch Relief

und Relief

kann schürfen

manchmal

 

WORTE

haben nicht nur Gewicht

auch innere Masse

Clown & Dämon

im Kleingedruckten

 

WORTE

Kontext

ist ihr Enfant terrible

Betonung

ihre Femme fatale

 

WORTEgestalten

WORTEgewalten

Drum achte man

auf die Eichen die Buchen

auf das Wort

wenn (man) es fällt

 

 

 

 

IRRLICHTER UND HAHNENSCHREIE

 

Bei Regenbogen den Teufel verflucht / Schoten mit

neun Erbsen hinter halboffener Tür / Hufschlag der

Pferde vor Mitternacht –

aber hoffentlich sind die Finger gekreuzt, der

dreibeinige Melkstuhl hängt aufrecht, das Ei

ohne Dotter ist übers Nachbarhaus geworfen

 

Einem Buckligen am frühen Morgen begegnet / von

links über halbfertige Mauern gestiegen / an Neujahr

die Bettwäsche zum Trocknen an der Leine -

doch gottlob nachts keine Nägel geschnitten,

die Braut, sie trägt ein Stück Geliehenes, der

Leichenwagen muss nicht anhalten unterwegs

 

Spätabends noch den Kehricht vors Haus / unter der

Pfauenfeder Salz verschüttet / eine Rothaarige mit

aufgeklapptem Messer in der Hand –

wer jetzt beim Tischbein sitzt, der werfe eine

Münze in den Brunnen, drehe am Hemdknopf

und ziehe vor dem Vollmond dreimal den Hut

 

 

 

 

DER BEWEIS

 

Die Rückspul-Taste

könnte diesen erbringen,

den schwankenden Zweifel

aus seiner Zwiefältigkeit

befreien:

 

REWIND

Der Mond

ist noch nicht erklommen.

 

REWIND

Die Sonne

umkreist wieder die Erde.

 

REWIND

Man urmenschelt

in den Höhlen,

ja, verafft sich auf die Bäume.

 

REWIND

Aus dem Alles

wird ein Nichts,

ein Nichts im Nirgendwo.

 

Nicht nur der letzte Agnostiker

fiebert

seiner ersten Antwort entgegen:

Stellt Gott nun seine Kandidatur?

 

 

 

 

DIE ZWÖLF RÄUBER

 

(„Dwenadzad rasboinikov“, altrussisches

  Legendenlied nach N. Nekrassow und S. Ignatieff)

 

HERRGOTT, WIR SINGEN ZU DEINER EHR’

UM ZU VERKÜNDEN DIE MÄR ...

 

von diesem grimmigen kudejar,

der des tags

in finstrem tann

mit entführten jungfrauen schwelgte,

ihnen des nachts

edelstein, silber und gold

auf blutigen raubzügen erbeutete,

sich dann aber demutsvoll

in kutte und askese

hinter klostermauern

zu des lebens betrachtung einigelte,

er, der einst wildeste rasboinikow -

sein gewissen

von gottes finger geweckt,

die inneren dämone

von kosaken-chor mit basso profundo

mächtig und wuchtig

besiegt und verscheucht

 

... WIE ER IN SOLOWSKI* ERZÄHLT’ EINMAL

ALS WEISER MÖNCH PITIRIM

 

* Solowjezki-Inseln im Weißen Meer

 

 

 

 

ENGMASCHIGES FANGNETZ

 

am pool, wie immer / der palmen schatten, leicht

wogend in blau / dann elektrisierend, diese beauté /

die sich da aalte, sich von träumereien kosen ließ

 

und ich dachte: wer ohne sünde ist ...

 

an der lounge-bar, wie immer / des cocktails

ambiente, leicht swingend in blues / dann fahndend,

diese smonky-eyes / die da blitzlichten, zuschnappten

 

und ich dachte: ... der werfe den ersten stein!

 

 

 

(2014)