Band 8 - (2015)

 

 

OVERKNEES AM BORDSTEIN

 

SIE

hat keinen Polit-Terminkalender

 

SIE

hat keine Macht-Connections

 

SIE

hat nur sich

ihre Kippe

ihre Haut

und ein paar Quadratmeter Welt

 

 

 

 

POTEMKINSCHE DÖRFER

 

Aus der Fassade

schmäht

        blasierte Süffisanz

blitzt

       zynischer Sarkasmus

knüppelt es

       großkotzig

       das Ringsherum nieder 

          

Doch frag das Fenster zum Hinterhof  -

hier

errötet die Unsicherheit

      genierlich 

      verklemmt

hier

katzbuckelt alles Selbstwertige

      zerschüchtert

      gehemmt

hier

kriecht man auf dem Boden

und frisst Staub alle Tage seines Lebens

 

 

 

 

WENN FÜNFE GERADE SIND

 

Wieso und warum

sprang da einen Oberschlauen

der absurde Geistesblitz an,

den Perfektionismus zu erfinden,

diese 120-prozentige Akribie,

haben wir doch schon

das circa Ungefähre,

      das halbwegs So-lala,

            das „Ach-sieh-das-nicht-so-eng“

zur vollsten Perfektion im Griff!

 

 

 

 

DIE STADT IM MORGENTAU

 

Nachtleben

entlüftet sich

über den Dächern

 

Aus der U-Bahn

quillt

der neue Tag

 

Straßenfeger

Tauben

und Frühnachrichten

als Eskorte

 

 

 

 

SHOWDOWN DER EGOS

 

ihr schachbrett

ist kein rangiergleis alter dampfloks

kein simples gedrängel

an der pommesbude

-

hier prunkt ein götzentempel

mit den vielen fremden neben mir

die sich alle lobsingen

sich alle hochpreisen

die eigenen monstranzen

mit weihrauch beräuchern

umhüllen umnachten

bis hin zum kurzschluss

ihrer aureolen

-

und der altar

liegt im dunkeln

 

 

 

 

SEITENVERKEHRT

 

Dort,

dort, wo die Welt

die Welt mit Brettern vernagelt ist,

      (laut Snob antiquiert & gottverlassen)

      (nach Fatzke eremitisch & abgelebt)

Dort,

ja, dort erkunde man

erkunde man, von welcher Seite

die ominösen Nägel eingenagelt sind ...

 

 

 

 

RE.GEN.TROP.FEN

 

k.ulle.rn am fe.nste.r

jed.er se.inen e.igen.en we.g

fi.nden zus.amm.en

we.rd.en

dick.er

ku.ller.n

s.chn.ell.er

fa.llen

ab

 

r.eg.ent.ro.pfen

drü.cken si.ch an die sch.eib.e

perl.engl.itze.rnd

sch.aue.n zu mir her.ei.n

und tu.scheln

stol.zgesch.wellt:

da schreibt wer über uns ...

 

 

 

 

JE ENGER DIE GASSEN ….

(... desto breiter die Dorfamnesie)

 

Idyllen erlebten -- Idyllen

sind Zeugen -- Idyllen

gaben ihr Ehrenwort

 

Idyllen, sie schweigen -- Idyllen,

sie blenden -- Idyllen

scharren Vergangenheiten zu

 

 

 

 

BIBLIOPHILES

 

es protzt wohl und prunkt

in leinen gebunden,

sein hochglanz,

er prahlt,

doch riecht ewig nach papier

 

da schämt sich das schlichte

seiner eselsohren gern,

die blätter

schon heiser

vom vielen erzählen

 

 

 

 

PANORAMA VON ÜBERALL

 

so etliches vom vielen

geht

so manchen von allen

über den horizont –

 

doch haben diese von dort aus

eine andere sicht

auf das meiste vom ganzen

 

 

 

 

AUF LYRISCH

(Senryu)

 

Vom innersten Ich

als polychrome Symphonie

in Worte skulptiert

 

 

 

 

REQUIEM FÜR DAS LETZTE WORT

 

So wie bei Stammtischrunden

halsstarr und dickschädelig

oder in gehobeneren Zirkeln

apodiktisch obstinat

So beschnupperten sich ehedem

zwei Pit-Bull-Terrier

bekläfften sich

bebissen sich

befraßen sich erfraßen sich

zerfraßen sich verfraßen sich –

 

Übrig blieben

nur zwei Schwänze

 

 

 

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