Band 6 - (2014)

 

ZELLENSPUK

 

stählern und schwer schnappt sie zu

die tür ohne klinke

hinter jemandes gewissen ...

 

und jener eine fatale tag

lugt

jede nacht

als mond durch das gitterfenster

-

und jener eine augenblick

erlebt sich

immer wieder

als tropfen-für-tropfen aus dem wasserhahn

 

und dieses eine gesicht

dieses ahnungslose

lauert

verschwommen im grau der kahlen wände

-

und dieser eine name

dieser jäh unvergessliche

hallt

als echo hinter jedem einzelnen gedanken

 

 

STURM-EPILOG

 

noch außer atem

torkelt

die natur,

von ihrer mutprobe

ernüchtert -

besieht sich

die abgeknickten zweige

den sperling

die magnolie

so verschüchtert –

raunt

ganz profan:

sorry, war bekloppt,

’s tut mir echt leid ...

 

 

BARE MÜNZE

 

Die volle Wahrheit

und nichts als die Wahrheit

nur zage aufgetischt

dubios obskur serviert

so verschwörerisch kredenzt

unentwegt in einem fort -

Und die Lüge

wird zur Währung

ohne jemals gelogen worden zu sein

 

 

LAMPENFIEBER

 

Der Vorhang

wallt noch

vom Schlussapplaus

 

Überschwang

hallt noch

im Dekor

 

Und die Maske, wie jeden Abend:

abgezäumt

abgeschminkt

LAMPENFIEBER !

Dieses packend Beklemmende

vor dem Danach

vor der hohlen Leere -

 

Denn warst du verhimmelte Bühne,

warst du vergötterte Kunst,

ab dem Hinterausgang

verhauchst du

zum irdisch Irdischen

verrauchst du

zur eigenen Requisite

 

LAMPENFIEBER ...

 

Und der Souffleur

ist schon längst

zu Hause

 

 

DIE FÄHRTE DER WAHRHEIT

 

Hat sie sich in das Unleserliche

zwischen den Zeilen

verstohlen

oder in dem Verstummten

zwischen Richtertisch und Anklagebank

verstockt?

 

Schreit sie aus lauthalsen Argumenten

oder dümpelt sie nur

in diesem einen unsicheren Blick,

wabert

in diesem einen verkrampften Atemzug?

 

Mit Hufschlag, nein, verrät sie sich nicht,

hasst den Knüller nur des Knallers wegen,

auch nicht von jeglicher Halbwertzeit

als Stripperin entblättert.

 

Doch damit sie ans Licht kommt,

verstecke sie sich im Dunkeln,

denn nur in dunkeln Randnotizen

wird gewittert

gescharrt

durchforstet durchkramt.

 

 

IM TEMPEL VON DELPHI

 

in wassermann krebs oder jungfrau geboren -

divination beschwört kräfte

rüttelt sie wach,

die vernarbten energien aus dem unterbewusstsein,

die sich da bündeln

in bergkristall/mondstein/rosenquarz-pendeln

sich der fügung hörig erweisen

in tarot-karten nach feuer&wasser&luft&erde

sich da schlängeln

in lebensringen in schicksalslinien

als botschaft aus eigener hand

 

divination beschwört kräfte

das noch-ungewisse zu entschleiern,

das morgen zu entjungfern,

als säße die zukunft höchstselbst

vor der pythia, der priesterlichen, hier

um das orakel zu befragen

wer eben was

wann und wohin

 

 

DORT UND DANN

 

Realität entsteht

wo und wenn

Zufall auf Zufall stößt

als Laune

des Augenblickes

 

Realität vergeht

wenn und wo

Erleben sich vom Erlebten löst

nach Willkür

des Zeitpunktes

 

 

AUF ROBINSONS INSEL

 

Geradlinig offen ehrbar -

Provinz der Narren!

 

Toleranz & Gerechtigkeit -

Provinz der Utopisten!

 

Meditativ / emotional -

Provinz der Hinterwäldner!

 

Träumerei und Visionen –

Provinz der Phantasten!

 

Konvivialität Humor -

Provinz der Possenschreiber!

 

Einfach nur Mensch als Mensch -

Provinz der Spießer!

 

Und der letzte Richter

der letzte Selbstgerechte

hat den ganzen Rest der großen Welt

für sich ganz allein

 

 

ROTLICHTIGES

 

sündiges pflaster schimmert schon  / rötlich-rot,

das milieu leuchtet sich aus / stöckelt

prallbusig auf stilettos, den billigen / aber

einen auf lüstern gemacht / netzstrumpf mit

wilden aussichten / wartet auf den ersten

 

rot im dunkeln / weht wie eine brise schweinisch

und verbot / benuttet & in hinterhöfen, in

spelunken verdirnt & verraucht / von kopf

bis fuß auf laster eingestellt / laster, du

sündiges pflaster / wartest auf eine lange nacht

 

 

SOLITÄR

 

da ist nur dieser briefkasten,

nur dieser mülleimer,

ohne gesicht, ohne stimme -

einfach nur da

 

ein leben

rund.he.rum ab.ge.holzt

ein.ge.i.gelt

die welt ausgesperrt

 

stirbt sogar den tod

für niemanden,

stirbt ihn

nur bürokratisch,

datum / uhrzeit / ort / beglaubigt -

 

eine nummer im register

als nachruf

 

 

DE GUSTIBUS ...

 

GroschenRomane oder Dostojewski

Richard Wagner oder VolksMusikanten

Döner oder Cuisine Française

dies oder so oder da --

 

.... non est disputandum

 

denn mit meinem IchBin

ist niemand anders,

niemand

außer mir!

 

Quod erat demonstrandum

 

 

RUFMÖRDERISCH

 

„Durch diese hohle Gasse muss er kommen,

Es führt kein andrer Weg nach --- “ 

 

Und Meute & Kopfgeld schießen sich

schießen sich sturmfrei

sturmfrei zur Lynchjustiz

zur Hexenjagd, zum Shitstorm

zur Hatz und als Sau durchs Dorf getrieben

 

Aber kein Mord

kein Mord ist nie tödlich genug –

bedarf es ihm zum Hochkarat

noch seines charmierenden

Charmes.

Der

Häme

des

Schlagringes.

Des nackten

Hasses

der Keule.

Dieser

ach so

geifernden

Genugtuung

des

letzten Messerstiches.

 

 

    *  „Durch diese hohle Gasse muss er kommen.

Es führt kein andrer Weg nach Küssnacht“

(Fr. Schiller „Wilhelm Tell“ / IV-3)

 

 

IN SYNÄSTHESIA

 

Wenn Violine-Bogen streichen und du Mango schmeckst

wenn die Stunden sich vor dir wie Spiralen entrollen

jedes O in Maya-Blau, das U jedoch in Grün -

Wanderer,

dann kommst du nach Synästhesia!

 

Wenn es hinter der 14 steil abwärts geht

du aber den Mittwoch als Hexagon siehst

wenn Quergestreiftes dich als Aquaphobie überfällt -

Wanderer,

dann kommst du nach Synästhesia!

 

Wenn sich der Ortsname zart flauschig anfühlt

wenn er als Chopin-Klavierkonzert klingt

wenn er nach Hagebutte und Bärlauch duftet -

Ja, Wanderer, dann,

dann bist du am Ziel!

 

(2014)