Band 4 - (2013)

 

DAS KIND IM KINDE

 

Unantastbar sind der Kinder Rechte

Das Recht auf Herumalbern

Das Recht auf Schrammen, Dreck und Beulen

Das Recht auf Faulenzerei

Das Recht auf Nein-jetzt-nicht

Das Recht auf Langeweile

DAS URRECHT AUF EINFACH-NUR-SO

 

Doch wird diese Eintrittskarte zum Leben

öfters schon an der Garderobe

mitabgegeben

 

 

SCHLAFTRUNKEN DIE WELT

 

Aus der Trauerweide hallt sie noch nach

die Stille der Nacht

der Morgen zögert

traut sich nicht

aus dem welken Laub von gestern

zu jung

zu unerfahren

 

Mit Grandezza stehen sie Wache

Auroras letzte Nebelschleier

und  keck in die Sonne

blinzeln ihre Tautropfen

auf Blättern Blüten und Grashalmen

 

Erste Schritte

irgendwo

der Tag ist wach

 

 

ZUM LETZTEN GLAS ROTWEIN

 

mich zieht es mit dir noch einmal zu den singenden

gondolieri an der rialto-brücke, wie einst zu den mont-

martre-künstlern auf der place du tertre, noch einmal

 

an die copacabana zu den samba-königinnen in nackter

haut und heißen rhythmen, es sehnt mich nach den

krabbenfischern zu pferde, die möwen ihrer nordsee

 

aufscheuchend, will mit dir zu den basar-händlern zwischen

orientalischen düften in marrakesch, hin zu den babuschkas

noch einmal, zu den hawaii-blumenmädchen mit hula-

 

tanz, doch abends wenn die sonne sie der nacht überlässt,

diese bunte welt, möchte ich das letzte glas rotwein für

heute trinken, wie damals, nur mit dir allein, ganz allein

 

 

GERÜCHTE

 

Kläffende Hunde

laufen hinterher

kläffen und keifen

zetern und zerren

Gerüchte sind flinker

allzeit voraus

pflastern den Weg

konspirativ und dämonisch

wie Hydra und Sphinx

hinterhältig zerstümmelnd

wie Megaira, die Furie

 

Noch in stockfinsterner Finsternis

werfen ihre Schatten

noch Schatten in die Nacht

und die Kläffer

die keifenden die zerrenden

sie schlafen schon lange

 

 

ZEITLUPE

 

Und ewig schlurfen die Gassen

besonnen und holprig

um verwitterte Giebel

 

Und ewig dörferln die Dörfler

in den Stapfen

des Altbackenen

 

Aus der Schwüle

klettert

ein Kirchturm

über moosbedeckte Dächer -

Die Zeiger seiner Turmuhr

sind eingerostet

seit langem

seit immer

seit irgendeinmal

zwanzig nach fünf

 

 

UNKRAUT

 

So nennt man dich

entwürdigend

verpönend

nur weil du dich mal trautest

und inmitten Hyazinthen

Forsythia Rhododendron

da stehst

 

Wüchsest du aber

auf Asphalt und Beton

käme manch Maler mit Staffelei

ja der Regen regnete sogar

nur für dich

 

 

SIE GING MIT ROT

 

Sie geht –

Stöckelschuhe durch den Vorgarten

Mercedes-Reifen auf dem Asphalt

beklemmen

zermürben

und das Rot der Schlusslichter

taut weg

zwischen Sträuchern

hinter Giebeln

 

Rot

brennt sich ein

 

Sie ging –

Letzter Rauch

züngelt schwermütig

aus dem Aschenbecher

zerrinnt mit „Love me tender“

im Schlussakkord

und mir bleibt nur

ihr Lippenstift-Rouge

an dem Whiskyglas

 

(2013)