Band 11 - (2017/18)

 

NUR EINE HANDVOLL VERSE

 

das abgebrochene patience-kartenspiel

lippenstiftrouge am tequila-sunrise

die zerkratzte freddy-mercury-platte

ein eselsohr im dreigroschen-roman

 

lass es zu worte kommen,

das übersehene, überhörte, übergangene -

eine zweite chance

für das nur-so-nebenbei

 

 

AUF DER AVENUE DES BOULEVARDS

 

Teleobjektive und Kugelschreiber

erfinden Prominenz,

züchten sie, hofieren sie,

rollen den Roten Teppich aus

als ihre Dichter und Denker

 

Teleobjektive und Kugelschreiber

zerknüllen Prominenz,

ächten sie, rangieren sie

hinten zur Hintertür hinaus

als ihre Richter und Henker

 

 

NOCTURE

 

Dämmerung

löscht die Farben aus,

des Tages Melodie

von Stille übertönt –

stumm grauschwarz

duckt sich das Dorf

in seine Gassen

 

Dunkelheit

dreht ihre erste Runde,

verriegelt die Welt -

ein Steinkauz

eine Parklaterne

halten sie auf Stand-by

 

 

KURS AUF PERFEKTION

 

Wie über den unendlichen

unendlich weiten dezimalstelligen Weg

der umherirrenden Kreiszahl Pi

in immer unendlichere

unendlich entferntere Ferne -

aber trotzdem Schritt für Schritt näher ...

 

 

DER DENKER

(Le penseur / A.Rodin)

 

erwächst aus dem labyrinth

feinster reflexionen

das muskelbepackt-verbissene

oder

konvertiert stählern-athletisches

leise und weise

zu nachsinnendem tiefgang?

 

und stützt sich auch

gedankenschwere den kopf,

da denkt nur ein entmutigt-zermürbtes

cogito

in seinem niederkauernd-abgeschlafften

ergo sum

 

 

COMEBACK IN SEPIA

 

wie aus dem nichts

lohen sie auf,

irrlichtern umher,

bilder

momente

szenen,

die schnipsel alter tage.

 

ruchlos die verdammten,

wenn sie stacheln,

wenn sie nachwürgen,

dich noch immer

durch das fegfeuer treiben –

entzückt schillerndes

aber schwärmt,

berauscht und besessen

umbrandet es dich

und kobert zur nachspielzeit.

 

wie aus dem nichts

lohen sie auf,

schemenhaft oder glasklar -

doch lass sie quengeln,

lass sie drängeln,

buntfarbenes

ist längst schwarz-weiß

und schwarz-weißes

längst vergilbt ...

 

 

IN KREIDE AUF AZUR ...

 

... eskortierten sie den tag, über weite ozeane,

großstadt-silhouetten bis in das verwinkelste dorf

 

mit ihren letzten büscheln, vom streunen

zerzaust und zerrupft, strickt der abend

 

seine gardine vor die nacht, lässt eine

masche fallen, als schlupfloch für den mond

 

 

CARMEN

(Georges Bizet /1875)

 

„L’amour est un oiseau rebelle

Que nul ne peut apprivoiser ...“ *

wenn er glutäugig gurrt,

immer enger seine Kreise zieht

um Wachsoldaten und Zigeunerinnen,

Teufelsweiber und Toreros

in der Nuttenschänke beim Manzanilla-Wein.

 

„L’amour est enfant de Bohême

il n’a jamais, jamais connu de loi ...“ *

und das Leben mischt seine Karten,

lässt sie wirbeln durch die Lüfte,

kapriziös & flatterhaft,

denn die wahre Währung heißt Frei-Sein,

unabsehbar & hoch gepokert.

 

„Mais si je t’aime, si je t’aime“

prends garde à toi!“ *

Ziehe Pik-Bube zum Nacht-Appell,

spiele Herz-Dame beim Seguidilla-Tanz:

Leidenschaft und Eifersucht bringt um.

Gegengift kann nur Mord sein,

der letzte Joker fehlt.

 

(* aus der HABANERA-Arie)

 

NATURE MORTE

 

eine nickelbrille ruht sich aus, das leo-tolstoi-

buch beim letzten kapitel / die raucherpfeife

 

schlummert schon länger im aschenbecher, ihr

nachtquartier neben der mandoline mit saiten-

 

sprung / zwischen wildäpfeln, gladiolen und

dem glas merlot flackert die kerze im rhythmus

 

der stille / und seit irgendwann zehn nach sieben

vertagt eine taschenuhr klammheimlich die zeit

 

 

TRAUM-TRIBULATIONEN

 

Rundum liegt die Nacht,

ein schlummernder Schleier,

wo Raum und Zeit versiegen -

bis sie aus ihrer Felsenhöhle funzeln,

Morpheus, Phobetor, Phantasos,

und dich durch ein Gestrüpp

von Wirrwarr und Wirrnis scheuchen

 

du triffst nie den richigen ton auf der oboe, schwebst

aber über unzählige treppenstufen, splitternackt

auf die pariser champs-élysées / klemmst im labyrinth

der hinterhöfe, ohne wlan-verbindung, nur mit

dieser oboe / drehst deine ewigen kreise zwischen

den groupie-girls, sie als fibonacci-zahlenreihe, du

splitternackt / du, der graffitisprayer in den slums von rio,

ohne wlan-verbindung, ohne schlupfloch im zaun /

doch das spalier wird enger, die stufen steiler und

glitschiger, die oboe-töne barscher greller beißender ---

 

Rundum liegt die Nacht,

außer Atem, in Chaos und Scherben.

Wie im Taumel versuchst du noch

den Blick auf die Champs-Elysées zu greifen,

noch schnell das letzte Graffiti zu retten,

dich an die Schatten der Groupies zu klammern –

 

Aber Morpheus, Phobetor, Phantasos

sind schon längst mit der Blackbox entschwunden

 

(2017 / 18)