Band 10 - (2016)

 

      ORCHESTRIERTES

 

von taktstrich zu taktstrich

   umzwirbelt die harfe

den legato-schwung der violinen /

   tupft und tüpfelt das triangel

zwischen pausenbalken

   so leichtfüßig verschmitzt /

zupft und züpfelt der kontrabass

   mit vierteln und achteln

an dem mezzoforte-scherzando

   von flöte und oboe d’amore

 

unter weitem ligaturen-bogen

   beschwichtigt das cello

so großväterlich gemachsam

   das quirlige der klarinetten /

zersplittern posaunen

   mit akzent, staccato und ff  

des fagottes profunde töne /

   zerfetzen trompeten

in triolen knallend

   das paukengrollen-crescendo

 

und die partitur, sie denkt:

   na echt spitze,

meine abstrakte kunst!

 

 

DAS GLAMOUR-GIRL

 

blogpostings / events / promi-partys

it & stylish & vor allem da

talent unter putz

von yellow-schlagzeilen

und weichkochblick übertüncht

 

sonnt sich im schatten

seiner busenblitzer,

höschenglitzer

und sonstiger beinfreiheiten

 

 

DIE VON UNTEN, DIE VON OBEN

 

Zweig und Strauch

senken ihr Blattwerk

    bebürdet

zum Abtröpfeln

 

Der Regenbogen

erachtet es

    bewürdet

als Reverenz

 

 

DIE SIGNATUR DES AUGENBLICKES

 

Es glitscht dir aus den Fingern,

dieses momentane Jetzt,

das einzige Konkrete der Zeit -

dieser Zeit,

die uns wohl stattlich & voluminös,

doch immer nur im Offline umspannt.

 

Ja, man übersieht es gar so ahnungslos,

dieses soebene Justament,

geringschätzig als Flittertand des Déjà-vu -

doch genau jetzt,

genau jetzt in diesem Augenblick,

schlägt er zu,

der Augenblick,

und irgendwo im Online

beginnt für irgendwen

eine neue Zeitrechnung ...

 

 

REALITY-SHOW

 

da trage sich herum

  so vernimmt man daher

es wäre gerüchtelt worden

  vom daher-sagen gehört zu haben

dass es längst alle sagen würden -

 

und die realität, sie steht abseits

  de facto

  vor vollendeten tatsachen

und spielt verdutzt & verblüfft

   im playback ...

     

 

DER WEG, DER NICHTS BEREUT

(Edith Piaf / Frank Sinatra)

 

NON, RIEN DE RIEN

NON, JE NE REGRETTE RIEN

in verwichenen Liebeleien gestrauchelt,

schiffbrüchig

in einstigen Eskapaden –

nein, nichts zu hobeln an meinem Holz,

nichts zu schmirgeln,

ob zerschrunden oder knotig

 

Und ist auch kein Pfeil mehr im Köcher,

kein Ass mehr im Ärmel,

nicht mal eine gezinkte Karte -

non, je ne regrette rien,

denn das Leben als Leben

hat es wahrlich nicht versäumt zu leben

AND MORE, 

MUCH MORE THAN THIS:

I DID IT MY WAY

 

 

UND HINTER DEM CARBONBAND ...

 

... erklapperte sich

jedes Wort

jeder Vers

in Pica oder Courier

 

Voller Dignität die Majuskeln

ihres Ranges bewusst,

die Gemeinen ergebener,

gemächlich im Trott –

das Komma war als Kumpel

Verschnaufen unterwegs,

der Punkt Sich-Besinnen.

Warten auf das Neue.

 

Und immer wieder tastete

die Leertaste ins Leere,

kleinlaut,

sich ihrer Hohlheit fast schämend.

 

Ab und zu Fragezeichen,

die gar wissbegierig klangen

nach Wie? Wann? Wer? Was denn?

Woher? und Warum?

Ausrufezeichen

Mal erstaunt, mal forscher

nach Heureka! Donnerkeil!

nach Jetzt-aber-Ruhe-im-Karton!!!

 

Und verhakten sich die Hämmerchen

noch so wild ungestüm,

und klingelte die Zeilenklingel

noch so gewissenhaft nervig –

hinter dem Carbon-Band

erklapperte sich, erplapperte sich

jedes Wort

jeder Vers

in Pica oder Courier ...

 

 

RIEN NE VA PLUS !

 

Alea iacta est

Aus dem Becher

überschlagen sich Würfel

ein purzelbäumelndes Springen

Rollen Kullern Rollen

aber nicht immer

triumphiert die Sechs

 

Spielkarten werden gemischt

geriffelt

abgehoben

ausgeteilt

Pik-3 Herz-Dame

Kreuz-König Karo-7

aber nur einer

hält den Joker in der Hand

 

 

DIE LETZTE U-BAHN

 

Abend für Abend war

es, immer so kurz vor 23:57 -

noch ein sinnliches Lächeln, ein

Ankuscheln unter deinen

Haarsträhnen, nur schnell eben

diesen Atemhauch noch,

bevor die letzte U-Bahn fährt.

 

Abend für Abend war

es. Der Sekundenzeiger

zwinkerte uns zu und drehte

diese eine letzte Minute etwas

gemächlicher – schlief der

Rest der Welt ja eh schon längst.

 

Doch heute fehlt sie uns, diese

Zeit. Zu spät. Aber trotzdem

noch einen Blick zurück, das

Geleise entlang. Nur einmal noch

verspüren, wie es damals war, unter

den Haarsträhnen, so gegen 23:57,

bevor die letzte U-Bahn fährt ....

 

 

ILLUSTER SEI DIE KUNST

 

Und wäre es auch bloß

schwachköpfigste Klospruch-Kleckserei -

ein  gewichtiger Name als Signatur

und man verharret

man erstarret

in ehrerbietiger Bewunderung

vor so viel Tiefsinn / so viel Emotion

so viel geballter Genialität!

 

 

DES TAGES AQUARELL

 

stimmt morpheus die saiten

der nacht, brennt

in den gedanken noch licht

 

wie gehölz um moosige

steine treiben sie

im bach, mäandern

um die momente,

in die der tag zersplitterte

 

entfärben sich

verschmelzen sich

bis hinter

die letzten schleierwolken

 

 

DER EWIGE STREIFEN PULVERDAMPF

 

In „Winnetou-1“-Film (1963) wird die mythenhafte Nscho-tschi, Winnetous

schöne Schwester, vom Schuft Fred. Santer erschossen.

(„Kaum ein Filmtod hat einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen.“

FOCUS - 9.12.2013)

 

Nscho-tschi

flüstern es die Felsen des Rio Peco

noch heute

und als Echo

nur hämisches Gelache

deiner Desperados

beim Feuerwasser im Saloon

 

Nscho-tschi

Schöner Tag

hören es die Mescalero-Apatschen

noch jeden Abend

und wieder zieht knallend

dieser letzte Streifen Pulverdampf

über das Pueblo

 

Ach, Schurke, du fieser,

für das hinterhältige Dahinmeucheln

von Legenden

von Illusionen

ist keine Verjährung in Sicht

soweit des Apatschen Auge reicht

 

 

GEFUNDEN

(Johann Wolfang von Goethe - 1813)

 

Ich ging im Walde

So vor mich hin,

Und nichts zu suchen,

Das war mein Sinn.

 

Im Schatten sah ich

Ein Blümlein stehn,

Wie Sterne blinkend,

Wie Äuglein schön.

 

Ich wollt es brechen,

Da sagt' es fein:

Soll ich zum Welken

Gebrochen sein?

 

Mit allen Wurzeln

Hob ich es aus,

Und trugs zum Garten

Am hübschen Haus.

 

Ich pflanzt es wieder

Am kühlen Ort;

Nun zweigt und blüht es

Mir immer fort.

 

 

... UND WIRD GEDICHT

(nach „Gefunden“  - J. W. von Goethe)

 

Ging auch im Walde

So vor mich hin,

Heut’ nichts zu dichten,

Das war mein Sinn.

 

In Stille ist mir

Ein Wort erwacht,

So farbig klingend,

So rund gedacht.

 

Ich wollt es greifen,

Da sagt’ es fein:

Soll ich zum Reden

Entzaubert sein?

 

Mit Klang und Farbe

Hab ich es zart

In mir verstohlen

Dann aufbewahrt.

 

Ich schrieb es nieder

An hellem Licht –

Nun zweigt und sprießt es

Und wird Gedicht.


(2016)