Band 3 - (2015/16)

 

HYMNE AN DEN STAU

 

Oh du,

der du uns die Weite des Raumes erahnen lässt

die Unendlichkeit des Universums,

in hoffnungsvollem Ersten-Gang-Getucker

über ach so profan-irdischen Asphalt!

 

Oh du,

der du uns die Substanz der Zeit zu genießen gönnst,

in all ihrer Dichte und komplexen Fülle,

zuvörderst bei allsommerlicher Urlaubsfahrt

in Hallelujas auf dem Hintersitz!

 

Oh du,

der du sie uns alle wieder bestaunen lehrst,

die Anmut und Vielfalt von Gottes Schöpfung,

Federwolke für Federwolke,

Hain für Hain - ja, Ähre für Ähre!

 

Oh du,

der du uns, dieser Spezies Rudeltier,

Beharrsamkeit, Stolz und Willenskraft verleihst

trotz allem & unbeirrt & immer wieder

irgendwo irgendeinem Rudel die Ehre zu erweisen!

 

Oh du,

der du unser soziables Wesen neu entfachest

von interaktiver Glück-auf-Geste

bis Plausch und Small-Talk

mit den auf ewig getreuen Nebenspurlern!

 

Oh du,

der du uns befreiest aus der Hast der Hektik,

aus dem Würgegriff des Alltags

hin zur meditativen Stille,

zur existentiellen Sinnfrage:

Wer-bin-ich? und Wo-denn-nun-überhaupt?

 

Oh du,

der du uns hier und jetzt

in der Gnade der richtigen Richtung geleitest,

bleiben doch der Gegenfahrbahn

all diese Privilegien, diese Gourmandisen

des Auf-Erden-Daseins versperrt und verwehrt ...

 

 

KREUZPUNKT IN ABSURDISTAN

 

Die

Welt

rotiert

dem

Uhrzeigersinn

entgegen -

ja,

und

deswegen

sitzt

sie

allabendlich

bei

mir

in

Buslinie 12,

diese

Japanerin

mit

ihrer

Morgenstulle

 

 

MIDLIFE-CRISIS

 

schon in der halbzeit-pause

die verlängerung

spielen,

denn

 

die zweite hälfte

wird

auch nicht besser

und

 

war beim schluss-abpfiff

vielleicht

nur ein drittel

 

 

TRITTBRETTFAHRER

 

Und der Lockenwickler

kommt vom Flohmarkt ins Museum,

hat er doch prominente Locken

gelockenwickelt

 

Und der Staubwedel

will einen Prof. Dr. Mag. phil.,

hat er doch auf Instituten gewedelt

und auf Akademien gestaubt

 

Denn auch das säuisch-vulgäre

„Er-kann-mich-im-Arsche-lecken“

arrivierte dank Götz von B. und Goethe

zur geflügelten Hochliteratur

 

 

... ABER ER BÖRSELT

(bzgl. „Gott würfelt nicht“ / A. Einstein)

 

Und Gott

kam,

sah,

sprach einige Sünden frei

- nur ein paar klitzekleine -

und der Aktienkurs des Lebens

überschüttete ihn

mit steigenden Dividenden

 

 

TRILOGIE DES DICHTERS

 

1.

Non-Event

Erdichtetes hab ich

gesichtet

gewichtet

gerichtet

verdichtet

gelichtet

und saß am Ende

wieder vor dem weißen Blatt

 

2.

Poet erster Klasse

Hat er einen Sinn – fehlt ihm der Vers

Hat er einen Vers – fehlt ihm die Form

Hat er eine Form – fehlt ihm das Metrum

Hat er ein Metrum – fehlt ihm der Reim

Hat er einen Reim – fehlt ihm der Sinn

So probiert er immer wieder

und legt dann den Bleistift nieder

 

3.

(.....)

 

 

FÜR DEN NABEL DER WELT ...

 

... ach ja, da hält

manch einer sich – dennoch

passt dies poetische Bild mit Loch

von hinten gesehen

(wenn Sie mich verstehen)

am besten doch!

 

 

ABENDLIED

(Matthias Claudius - 1779)

 

 

Der Mond ist aufgegangen,

Die gold'nen Sternlein prangen

Am Himmel hell und klar.

Der Wald steht schwarz und schweiget,

Und aus den Wiesen steiget

Der weiße Nebel wunderbar.

 

Wie ist die Welt so stille

Und in der Dämmrung Hülle

So traulich und so hold!

Als eine stille Kammer,

Wo ihr des Tages Jammer

Verschlafen und vergessen sollt.  (....)

 

So legt euch denn ihr Brüder,

In Gottes Namen nieder;

Kalt ist der Abendhauch.

Verschon' uns, Gott! mit Strafen

Und lass' uns ruhig schlafen!

Und uns'ren kranken Nachbarn auch!

 

 

GERICHTSVOLLZIEHER-LIED

(nach „Abendlied" / Matthias Claudius

 

Mein Geld ist ausgegangen,

Die Mahnungen, sie prangen,

Im Briefschlitz klipp und klar –

Das Haus steht starr und schweiget,

Und aus den Treppen steiget

Der Pleitegeier und will bar.

 

Wie ist die Welt so stülle

Und in der Leere Hülle

Mir so vertraulich-hold!

Drum sucht in meiner Kammer,

Was ihr bei all dem Jammer

Gerichtlich noch vollziehen wollt.

 

Da staunt ihr denn, ihr Brüder,

Und kratzt die Kurve wieder,

Von Bimbes nicht ein Hauch -

Verschon’ mich, Gott! mit Strafen

Und lass’ den Kuckuck schlafen

Und meine leeren Konten auch!

 


(2015 / 2016)