Band 5 - (2014)

 

ARS POETICA

 

Und der Schatten entschlurfte seiner Eiche:

Nimm mich mit

in mir klingt Poesie

 

Und ein rostiges Gartentor schepperte irgendwo:

Nimm mich mit

in mir klingt Poesie

 

Und die Sonnenuhr,

die sonst unter Wolken verstummt ...

 

Und das Buntglasfenster der Kirche,

so auf Distanz zu allem Irdischen ...

 

Und das nie gelesene Buch ...

Und der Letzte auf dem Bahnsteig ...

 

Und das Schachbrett ...

 

Und die Marktfrau ...

 

Und er nahm sie alle mit

setzte sich nieder

bei Blatt Feder Tintenfass

und aus Reichtum AN Alltäglichem

wurde Reichtum DES Alltäglichen

 

 

DIE SCHLAGKRAFT DER IRONIE

 

kommt dein feind mit zuschlaghammer,

dem groben, antworte du mit skalpell,

dem fein geschliffenen - kommt dein

 

feind mit zeter und mordio, dem rohr-

krepierer, klaube du in deinem arsenal,

über kimme und korn ein gezielter schuss

 

ironie, sokratisch versteckt oder bitter

beißend - doch keine überdosis, soll nicht

töten, lebt genüsslich von langzeitwirkung

 

und hat der haifisch auch zähne, sein lächeln

hinterlässt keine schmauchspuren, draußen

aber vor seinen ringmauern liegt waterloo

 

 

VENI, VIDI, VICI

(von der Kunst des Selbsthumors)

 

Und

am siebten Tage

setzte

Gott sich hin,

 

sah sich alles an

 

und

 

lachte ...

 

 

REISE DURCH GEOMETRIA

 

Da war ich einst

DREIECK

spitz und eckig

klare Kante

ein Rebell

 

Die Jahre machten aus mir

QUADRAT

FÜNFECK

SECHSECK

noch immer eckig wohl

aber blickrichtungs-reicher

rundum-schauender

 

Heute bin ich

KREIS

alle Ecken am Leben abgestoßen

von der Zeit poliert und geschliffen

in mir abgerundet

 

 

BRANDSTIFTUNG

 

champagner prickelt

gedämpftes licht

haare wallen blicke auch

lasziv

das räkeln

und schon lüstert die welt

 

champagner prickelt

verschnörkeltes entblättern

blütenblatt für blütenblatt

nenn mich salome nenn mich lolita

nenn mich sünderin

verrucht

dieser hauch

und schon grapscht die phantasie

 

champagner prickelt

geschürter brand

geistreich

dieses peu à peu

da spreizt sich in schwarzem nylon

was sich zu spreizen droht

kurz

nur aus versehen

und schon flammt die wollust

und champagner prickelt

prickelt noch immer

prickelt weiter

bis zur letzten bastion

 

 

ALS HÄTTE, ALS WÄRE …

 

Als hätte die Biene Geometrie studiert

den Wabenbau im Sechseck

nach den Lehren von Euclides

 

Als wäre die Fledermaus in Physik diplomiert

ortet sie doch die Nacht

mit Ultraschall-Frequenzen nach Hertz

 

Als hätten Astern Gänseblümchen

in Mathematik promoviert

ihre Blütenblätter

nach der Fibonacci-Folge gezählt,

Sonnenblume ihre Kerne

Kiefernzapfen ihre Schuppen

spiralenförmig nach ihr geformt

 

Als hätte die Schöpfung die Wissenschaft ...

Als wäre die Wissenschaft in Schöpfung ...

Als hätte die ...

Als wäre die

Als wäre ...

Als hätte ...

  

 

GÖTTERDÄMMERUNG

 

abendwolkenumhangener Olymp

felsenzerklüftet

 

wo Zeus, die Allmacht, zwischen Blitz und Donner

auch die Eifersucht der Hera bezwingt,

dieser unter einem Keuschbaum geborenen

 

wo Hestia am Herd die Familieneintracht bewahrt

und Hephaistos das Feuer

mit Schmiedehammer und Amboss

 

wo Poseidon von Quellen und Flüssen auszieht,

sein Dreizack die Seeleute über gefährliche Meere geleitet,

wo mit goldenem Ährenkranz

Demeter zur Fruchtbarkeit die Jahreszeiten wechseln lässt

 

abendwolkenumhangener Olymp

felsenzerklüftet

schicksal- und sagenumwoben

 

wo unter der weisen Athena Olivenbaum

Apollo die neun Musen mit seiner Lyra  beschwört

 

wo Artemis in mondheller Nacht wilde Tiere zähmt,

jungfräulich und keinem Manne untertan

 

wo Ares Fackel und Speer durch blutige Kämpfe schwingt -

doch Aphrodite eher mit Reizen bezaubert,

dem Menschen die Leidenschaft zum Geschenk

 

wo Hermes, listiger Händler und beflügelter Bote,

auch morgen wieder

die Seelen der Verstorbenen in die Unterwelt führt

 

abendwolkenumhangener Olymp

felsenzerklüftet

schicksal- und sagenumwobene

GötterNacht

 

 

NUR EINEN …

 

So mancher dürfte nicht sterben -

Nie und nimmer

dürfte nicht

 

... die Mit-Aufrechtem-Rückgrat-Gehenden

... die Unblasiert-Gestrickten

... die Auf-Du-Kumpelhaften

... die Pfiffig-Humorigen ...

... die Einfach-Gesunden-Menschenverstandes

... die Ihren-Stallgeruch-noch-Kennenden

 

So mancher dürfte eben nicht sterben -

nie und nimmer

Dürfte nicht

 

Und bei Milliarden und Milliarden

am Stammtisch des Lebens

wird Gott doch hoffentlich

     irgendwo

         irgendwie

              irgendwann

                  irgendeinen

doch wenigstens EINEN

dieser Reinen

vergessen

 

 

BEAUX-ARTS

 

Verstehst du die Kunst

ist es keine mehr

Verstehst du sie aber nicht

noch keine

 

Du tastest im Transit-Bereich

der Künstler

ist schon abgeflogen

 

 

COMEBACK

 

Erschöpft am Boden

liegt die Welt

nach Regen, Wind und Sturmstrapazen

 

Und jede Schnecke, jeder Käfer

jeder Grashalm - jedes kleinste Stück Natur

ermutigt sie

spornt an

sich wieder aufzurappeln

für den neuen Tag

 

 

DANN FINDET KEINE ZUKUNFT MEHR STATT

 

Wenn niemand mehr

das morsche Holz durchlüftet

     Dann ...

Wenn alte Haudegen

ihre Seele verramschen

        Dann ...

Wenn alles nur auf Spießigkeit

vor sich hin köchelt

            Dann ...

Wenn kantige Galionsfiguren

zu Placebo entarten

                Dann ...

Wenn Visionen

in Sperrbezirke verbannt werden

                    Dann …

 

Ja – genau dann!

 

 

AUSSICHT

 

Seilschaften an der Eiger-Nordwand

am Annapurna

an antarktischen Gletschern

Seilschaften allseits ringsumher

auf den Gefilden der Geltung

den Fluren der Macht

den weiten Breiten des Nervus Rerum

 

Stricke und Knoten

aus gezogenen Fäden

 

Nur den Sherpas,

die alles schultern und achseln,

zwielichtige Weglagerer vertreiben

Wind und Wolken deuten -

ihnen bleibt die Aussicht

auf die Aussicht

verborgen verhehlt

 

 

SCHIEßET NICHT AUF DEN PIANISTEN

 

Quirlige Finger und rhythmisch

bei Swing and Jazz and Blues -

doch an very-busy Nadelstreifen

perlt Schönes nur ab

 

Moonlight-Serenade & Memory

mit sinnlicher Klaviatur verführend -

doch Diva und Lover

kokettieren ohnehin schon

an ihrem letzten Tequila-Sunrise

 

Dann eben improvviso,

die wahre Mystik des Piano-Man,

dieses improvviso

nur seinen Tasten zuliebe –

denn was hier dem Entstehen

auch gleich wieder entschweift,

ist dennoch für sie

jeden Abend erstmalig und neu

 

(2014)