ZUR ZENTRALEN MITTE HIN

 

Man verfeme, verteufle sie nicht

Die Exzentrischen

Die außerhalb des Tradierten

Die jenseits des ruhigen Gewässers –

 

Denn je mehr

Subjektives

Und sei es auch das Irrwitzigste

Das Kühnste, das Extremste

Desto näher

Nähert sich ihr Durchschnitt

Der unnahbaren Objektivität

 

 

 

NATURE MORTE

 

das cello ruht sich aus, vom streichbogen

angeschmachtet / zwei wildäpfel neben

 

dem glas rotwein / ohne grund, außer ihrer

laune / nickelbrille, dostojewsky, kerzenwachs

 

in gesprächigem schweigen / und nur der

wanduhrpendel lässt den abend weiterticken

 

 

AUSSAGE GEGEN AUSSAGE

 

Da gähnt uns ein Vakuum

Aber ganz auf weltmännisch,

Seigneural

 

Und die Paradigmen

Streiten sich:

 

Überwiegt die hohle Leere,

Dieses kahle Nichts -

Oder doch die Souveränität

Ihrer dramaturgischen Selbstdarstellung?

 

Paradigmen kollidieren

Plänkeln

Streiten sich immer

Um das beste Weitwinkel-Objektiv

 

 

GEFÄHRLICHE BATAILLONE

 

links

die EBEN-NICHTS-VON-NICHTS-WISSEN-WOLLER

rechts

die NICHTS-WISSER-WEIL-MIR-SCHNUPPE-DENKER

 

gespannt vor die karre

der frommen bis zur hölle,

kämpfen als cheerleaders mit,

die schlacht gegen dunkelkammern

siegreich zu verlieren

 

 

GESUCH DER ALTEN DAME

 

DIE WELT MACHTE MICH ZUR HURE,

NUN MACHE ICH SIE ZUM BORDELL *

 

Reichtum

Hat der Bankenkonten viele

Die Moral der Macht noch mehr

 

MIT MEINER FINANZKRAFT, MEINE HERREN,

LEISTET MAN SICH EINE WELTORDNUNG *

 

Dividenden, Gerechtigkeit und gutes Gewissen

Legitimieren

Sich gegenseitig

Im Güllener Schützengraben

 

TRAGT IHN IN DEN SARG. WIR FAHREN NACH CAPRI *

 

 

(* Claire Zachanassian „Der Besuch der alten Dame“ - 3. Akt /

     Friedrich Dürrenmatt)

 

 

24 AUF 24

 

ZEIT

riecht man nicht

hört

sieht

schmeckt man nicht

 

ZEIT

ist ein Nichts

ZEIT

war es seit jeher

 

Bis irgendein Frevler

Räderwerk & Feder & Unruh erfand

Und dieses Zeitlose

er-tickte sich

24 / 24

er-pendelte sich

24 / 24

er-quarzte und er-atomte sich

24 / 24

Zu einer Pandora-Büchse

Von Schneller Nummer

Bis Burn-Out mit Langzeitwirkung

 

 

BOHNERWACHS UND SPIEßIGKEIT

 

schmatzt und schwatzt

täglich um viertel nach drei

bei schwarzwälder und marzipantorte

 .

durchströmt so neonhell

das ehrenwerte haus

mit dem dicken vom ersten stock

mit der witwe von nebenan

 .

doch einmal nur verrückt sein, ja, flieg doch

nur einmal mit mir von den vorstadtstraßen

über

diesen

tellerrand

hinaus,

dorthin, wo das laster lebt,

zum Champagner,

zu den hawannas, zu den blonden ludern ---

 .

und aus der jukebox singt es am gehsteig:

auch kleine heuchler

ziehen

große kreise

 

 

(aus Udo-Jürgens-Texten)

 

 

RANDNOTIZEN AM RANDE

(Der unbekannte Clochard)

 

so dörrt es vor sich hin, sein leben / auf grund gelaufen,

schütter, ungeschminkt / ins-schweigen-starren ist seine

 

daily-soap / dass es morgens hell wird, seine apanage /

so dörrt es vor sich hin, sein leben / auf grund gelaufen,

 

schütter, ungeschminkt / seit wann und warum, weiß er

nicht mehr / bis wann und wohin, noch weniger / tag

 

für tag ist das morgen schon geschreddert / und das

heute von heute noch nicht einmal unter dem hammer

 

 

SCHIEßET NICHT AUF DEN PIANISTEN

 

Quirlige Finger und rhythmisch

Bei Swing and Jazz and Blues -

Doch an very-busy Nadelstreifen

Perlt Schönes nur ab

 

Moonlight-Serenade & Memory

Mit sinnlicher Klaviatur verführend -

Doch Diva und Lover

Kokettieren ohnehin schon

An ihrem letzten Tequila-Sunrise

 

Dann eben improvviso,

Die wahre Mystik des Piano-Man,

Dieses improvviso

Nur seinen Tasten zuliebe –

Denn was hier dem Entstehen

Auch gleich wieder entschweift,

Ist dennoch für sie

Jeden Abend erstmalig und neu

 

 

DER WORTE GEWALTEN

 

WORTE

Sind Eichen Buchen

Ihr Geäst ihr Gezweig

Aus Jahrtausend-Wurzeln

Erwachsen

 

WORTE

Haben nicht nur Form

Auch Relief

Und Relief

Kann schürfen

Manchmal

 

WORTE

Haben nicht nur Gewicht

Auch innere Masse

Clown & Dämon

Im Kleingedruckten

 

WORTEgestalten

WORTEgewalten

Drum achte man

Auf die Eichen die Buchen

Auf das Wort

Wenn (man) es fällt

 

 

DURCHZUG 1968

 

Sie standen wohl Pate,

Die Berliner Revolten, die Pariser Straßenschlachten

Taifune und Tornados,

Wie sie da rumpelten und gewitterten

Über alte Nazi-Zeiten Kapitalismus Vietnam-Krieg

 

Doch einmal schon Windstärke gezäumt,

Schüttelte man es ab,

Das alte Gepäck der Krähwinkelei,

Entthronte

Das Kathedralische der Talaren

Lüftete ihn aus,

Den alten Muff verlogenener Prüderie

 

Und als letzte Böe,

Fast nur ein Hauch,

Der jedes Duckmäuselnde wegblies

Das Schweigen vom Tisch pustete

Endlich die schamrote Scheu aus ihren Klappen wedelte

 

Anderntags

Trampte der freie Mensch

Nach Woodstock

 

 

ALLMÄCHTIGE ALLMACHT

 

Sei es 

 

Schotter

An der Börse scheffeln

 

Eine Edeldirne

Buchen

 

Sammelporzellan

Verhökern

 

Oder zwischendurch

Die Welt

In die Luft jagen

 

Allmächtige Allmacht

Dieses einen

So trivialen

Mausklickes

 

 

IRRLICHTER UND HAHNENSCHREIE

 

Bei Regenbogen den Teufel verflucht / Schoten mit

neun Erbsen hinter halboffener Tür / Hufschlag der

Pferde vor Mitternacht –

aber hoffentlich sind die Finger gekreuzt, der

dreibeinige Melkstuhl hängt aufrecht, das Ei

ohne Dotter ist übers Nachbarhaus geworfen

 

Einem Buckligen am frühen Morgen begegnet / von

links über halbfertige Mauern gestiegen / an Neujahr

die Bettwäsche zum Trocknen an der Leine -

doch gottlob nachts keine Nägel geschnitten,

die Braut, sie trägt ein Stück Geliehenes, der

Leichenwagen muss nicht anhalten unterwegs

 

Spätabends noch den Kehricht vors Haus / unter der

Pfauenfeder Salz verschüttet / eine Rothaarige mit

aufgeklapptem Messer in der Hand –

wer jetzt beim Tischbein sitzt, der werfe eine

Münze in den Brunnen, drehe am Hemdknopf

und ziehe vor dem Vollmond dreimal den Hut

 

 

DER BEWEIS

 

Die Rückspul-Taste

Könnte diesen erbringen,

Den schwankenden Zweifel

Aus seiner Zwiefältigkeit

Befreien:

 

REWIND

Der Mond

Ist noch nicht erklommen

 

REWIND

Die Sonne

Umkreist wieder die Erde

 

REWIND

Man urmenschelt

In den Höhlen

Ja verafft sich auf die Bäume

 

REWIND

Aus dem Alles

Wird ein Nichts

Ein Nichts im Nirgendwo

 

Nur der letzte Agnostiker

Fiebert

Seiner ersten Antwort entgegen:

Stellt Gott nun seine Kandidatur?

 

 

DIE ZWÖLF RÄUBER

 

(„Dwenadzad rasboinikov“, altrussisches

  Legendenlied nach N. Nekrassow und S. Ignatieff)

 

HERRGOTT, WIR SINGEN ZU DEINER EHR’

UM ZU VERKÜNDEN DIE MÄR ...

 

von diesem grimmigen kudejar,

der des tags

in finstrem tann

mit entführten jungfrauen schwelgte,

ihnen des nachts

edelstein, silber und gold

auf blutigen raubzügen erbeutete,

sich dann aber demutsvoll

in kutte und askese

hinter klostermauern

zu des lebens betrachtung einigelte,

er, der einst wildeste rasboinikow -

sein gewissen

von gottes finger geweckt,

die inneren dämone

von kosaken-chor mit basso profundo

mächtig und wuchtig

besiegt und verscheucht

 

... WIE ER IN SOLOWSKI* ERZÄHLT’ EINMAL

ALS WEISER MÖNCH PITIRIM

 

* Solowjezki-Inseln im Weißen Meer

 

D'Buch

 

"HÄPPI LËTZEBUERG"

 

(2009)

 

 

Satiresch Lidder

a 

Gedichter