LETZTE RETTUNG

 

Stell dir vor


Du blickst auf den Kalender

Und morgen ist kein Tag mehr


 

So nimm deine Flügel


Und flieg davon


Stattlich wie der Adler durch die Lüfte


Denn stell dir vor


Die Welt geht unter


Und niemand hat sie abgespeichert

 

 

SO GEWICHTIG WICHTIG IST KEINER

 

Zeig dem Größenwahn die Rote Karte die Keule

Mach Kehraus mit der Profilneurose kurzen Prozess

Werfe die erste Geige als Ballast über Bord

 

So gewichtig wichtig ist keiner

Dass er der letzte Schuss im Colt wäre

Dass die Welt für seine Geilheit Schmiere stünde

Denn auch ohne dich

Findet der ICE-Zug den nächsten Bahnhof

Auch ohne dich

Wird es einmal im Jahr Aschermittwoch und Oktober

 

So gewichtig wichtig ist keiner

Hat doch auch ein Spatz

Noch nie eine Sonnenfinsternis hingekriegt

 

 

ABNABELUNG

 

Der Kreis

Dreht solange

Um den Mittelpunkt

Bis er bricht

Und dann als Spirale

In das Freie

Erwächst

 

 

ARCHIVALIEN

 

Nostalgie

Ehrfurcht

Und eine knarrende Treppe

Führen dorthin

Wo das alte Papier riecht

Führen dorthin

Wo die Vergangenheit wohnt

Verblasst

Vergilbt

Holzregale verbiegend

 

Es mutet an

Wie eine Romanze

Eine Romanze im Séparée

Dieses Tête-à-tête

Mit dem großen Gedächnis

Des kleinen Dorfes

 

 

FÜNF VOR ZWÖLF

 

Knarzende Planken

Steuerbord-Leck

 

Der Klabautermann schlingert

Die ersten Ratten

Sind schon fort

 

 

UP-DATE DER IDYLLE

 

Einmal venezianische Lüfte spüren

Von der Lagune her

 

Tauben gurren hören

Über dem Dogenpalast

Zum Campanile empor

 

Einmal mit dem Gondoliere

Zur Piazza San Marco

Unter algenbewachsenen Stegen

Verträumt hindurch

 

Serenaden bei der Abendröte

Pailletten-Glitzern

Beim Karneval

 

Einmal Commissario Brunetti sehen

Und dann sterben

 

 

TRUE LOVE

 

„You and I have a guardian angel

Love forever, true“

(Bing Crosby / Grace Kelly – 1956)

 

Werde ich Herbst

Und du bist noch Spätsommer

Möchte ich warten

An langen Winterabenden

Auf dich

Um Seite an Seite mit dir

Gemeinsam frühlingszuerwachen

 

 

FRAG DOCH DAS GEWISSE ETWAS

 

Endlos sind die Endlos-Schleifen

In denen Cover-Girls und sonstige Girlies

Durch Starkult Designerfummel

Hype-Zirkus Boulevard

Endlos drehen

 

Schaffte sie es nun auf die Titelseite

Weil sie aus Prominenzia kam

Oder wurde sie zur Prominenzlerin

Weil sie getitelseitet hatte?

 

Frag doch das Gewisse Etwas

Dieses Zutat X-Syndrom

Niemand weiß es ganz genau

Ist sie doch nur einzig und allein

Zum GutAussehen da

 

Kaviar

für

Paparazzi

 

 

NACHSPIEL

 

Kalter Rauch

Hängt übernächtigt in den Zimmerecken

Abgestandenes Bier

Döst vor sich hin

 

Verkaterte Zeugen

Von Philosophien

Den Homo sapiens neu zu erschaffen

Von Umstürzler-Ideologien

Die Welt aus den Angeln zu heben

 

Doch was jüngst

Noch so wahr

Noch so weitblickend

Noch so staatsmännisch

Wird am Morgen danach

Mit den leeren Flaschen

Im Hinterhof

Entsorgt

 

 

FLUCHT NACH HAKUNA MATATA (*)

 

Erträume dir ein Stück Weg,

Glaube daran

Und gehe ihn

Als Umgehungsstraße der Realität

Ohne Moskitos

Ohne Schlaglöcher

Ohne Scherbenhaufen

 

Denn was schert den Gaukler

Das Heute

Das Morgen

Es perlt an ihm ab

 

Was schert ihn das Kind

Im Dschungel

Das beide Hände vor die Augen hält

Und den Löwen zuruft:

Ich bin nicht mehr da!

 

 

 (* „HAKUNA MATATA“ ist ein Spruch aus der afrikanischen Sprache Swahili, der wörtlich übersetzt „Es gibt keine Probleme“ heißt; er ist besonders durch den Walt-Disney-Zeichentrickfilm „Der König der Löwen“ berühmt geworden. - Wikipedia)

 

 

FRAGMENTE DER ERINNERUNG

 

Verzerrt und verschwommen

Das Strickseil, der Eifer und die Bretter

Für unser Baumhaus

Damals oben

In des Nachbars Eiche

Das wir aber nicht bauen durften

 

Auch lückenhaft und zerfranst

Wie wir da zogen

Vollbeladen

Mit großer Freiheit und Taschenlampe

Ab zu der ersten Nacht im Zelt -

Solange bis Ästeknacken

Uns das Gruseln lehrte

 

Aber sei’s drum,

Alles Erlebte noch einmal

Erleben zu können

Und nochmals

Und nochmals

Ist vollste Entschädigung

Für das Nur-Schemenhafte

Und für jedes Fiasko

 

 

 

KALEIDOSKOP DER SYNÄSTHESIE

 

Hinter dem März biegt der Weg nach links

Aber auch dort ist mein Dienstag rot

Auch dort ist meine 9 eher dumpf

Und die Ellipse säuerlich

 

Nach 11 Uhr wird der Tag zur Schlaufe

Aber auch dann ist mein U smaragdgrün

Der Tango-Rhytmus längs gestreift

 

So verknäuele ich mich

In mir selbst

Schwelge mittendrin

Denn ob Taj Mahal

Oder paranoid -

Immer wieder fühle ich hellblau

Und schmecke das Fagott

 

D'Buch

 

"HÄPPI LËTZEBUERG"

 

(2009)

 

 

Satiresch Lidder

a 

Gedichter